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Die Deutschen und die Arktis

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 Das sind die Überreste der Wetterstation Knospe. Im Zweiten Weltkrieg bauen die Nazis ein Netz von Wetterbeobachtungs-Hütten weit hinter dem Polarkreis. Knospe ist eine davon, aber auch in Edelweiß, Bassgeige, Holzauge und Nussbaum wird den Wolken nachgeschaut und die Temperatur gemessen. Die Namenswahl lässt eine spezielle Art des deutschen Humor erkennen. Auf Franz Joseph Land wird unter dem Decknahmen Schatzgräber eine weitere Wetterstation eingerichtet. Neben der eintönigen Arbeit der Wetterbeobachtung geht man dort 1944 auf Bärenjagd. Wetterinspektor Gerhard Wallik und der Marine-Obergefreite Werner Blankenburg erlegen am 30. Mai einen Eisbären.   Blankenburg, der als Koch auf der Station angestellt ist, verarbeitet das Fleisch zu Buletten, die von der Besatzung roh verspeist werden, da gerade das Brennmaterial knapp ist. Alle außer dem Sanitäter Gerhard Hoffmann, der wie sein großes Vorbild Adolph Hitler Vegetarier ist, erkranken in der Folge an Trichinellose. Der E...

Gedanken auf der Eisscholle

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 Vor uns liegt wieder ein Abschied. Morgen geht es zurück in die Heimat. In der Dusche höre ich schon mal deutsche Nachrichten, zur Vorbereitung. Irgendwie kommen mir die Meldungen bekannt vor. Senden die was aus der letzten Woche? Das muss es sein. Ich wage einen kurzen Blick in die Social Media Kanäle von Zuhause und auch dort hat sich wenig verändert. Hass, Hass, Hass, Reklame, Hass, entlaufene Hunde, Speisekarten der kommenden Woche, Werbung, noch ein bisschen Hass und die Frage, welcher Facharzt im Umkreis von 150 Kilometern noch neue Patienten annimmt. Ich weiß nicht, ob ich schon zurück möchte. Hier ist es kalt. Also zieht man sich dick an. Die Straßen sind gefroren. Man muss langsam fahren. Es gibt nicht immer alles sofort. Man muss warten können. Die Kühe müssen zwei Mal am Tag gefüttert werden - egal wie die eigene Befindlichkeit gerade ist. Wenn man dem Fischer etwas abkauft, muss man es verarbeiten. Wenn es stürmisch ist, fällt die Fähre aus.  Vieles ist hier einfa...

Schauspiele

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 Da wir abends ins Theater gehen, fällt unser täglicher Spaziergang nur kurz aus. Wir laufen am gefrorenen Strand von Fjaere ein wenig in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Auf einer Bank vor dem Landhandel genießen wir eine süße Waffel in der Sonne. Es hat nur wenige Grad unter Null und das kommt uns jetzt schon warm vor.  Das Theaterstück, das wir uns in Bodø anschauen, handelt von den Indigenen Norwegens, den Samen, und der Begegnung dieser zwei sehr unterschiedlichen Lebensweisen. Erzählt wird das Ganze anhand einer Liebesgeschichte von einer finnischen Samen-Frau, die in Norwegen einen Mann finden will. So weit die Informationen, die ich in Vorfeld habe. Vom Theaterstück verstehe ich nämlich kein Wort. Und so muss ich mir meine eigene Geschichte zusammenreimen. Die Hauptperson redet für eine Finnin ganz schön viel, das fällt mir gleich zu Beginn auf. Sie hat wohl zwei Söhne, und sie führt ein strenges Regiment. Jetzt soll es nach Norwegen gehen, um einen Mann z...

Der Lichtschalter im Weltall

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 Morgens um halb neun färbt die aufgehende Sonne die verschneiten Berge golden. Hier wird es nur ganz langsam Tag, denn das Sonnenlicht trifft uns immer noch aus einem flachen Winkel. Doch schon im März wird es hier länger hell als dunkel sein, ab Ende Mai wird die Sonne überhaupt nicht mehr untergehen.  Beim Frühstück schaue ich aus dem Fenster auf die Berge. Mein Lieblingsberg sieht aus wie eine perfekte Pyramide, die leicht zur Seite geneigt ist. Als wäre die Gipfelspitze einmal vor Jahrhunderten angetaut und ein Stück den Hang hinabgerutscht. Und dann wieder festgefroren. Heute, bei strahlendeme Sonnenschein, wollen wir wandern gehen. Da es hier keine Wanderwege gibt, wie wir sie kennen und die Landschaft tief verschneit ist, suchen wir uns eine Schneescooter-Spur. Wahrscheinlich ist Kjetil, der Fischer, hier langgedüst, denn er hat sich einen neuen Scooter gekauft. "Viertakter", sagt er stolz und seine Augen leuchten. "Ich bin auf den Kvarven gefahren", ergänzt...

Ein Kaffeklub am Ende der Welt

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  "Am Nordpol verdichteten sich einst aus einem ätherischen Körper die physischen Menschenkörper." Selim Levent Oezkan, "War das legendäre Hyperborea die Urheimat der Menschen?" In der fernen Urzeit, so glauben manche, stand die Erde aufrecht. Ihre Achse war also nicht geneigt, wie heute, sondern gerade. Diese Position hätte eine fast tropische Vegetation im Norden ermöglicht und somit auch menschliches Leben. Der eine, ferne Punkt - der Nordpol - er scheint beinahe logisch als Ort des Ursprungs, als unverdorbener und reiner Quell des Lebens. Schon in den indischen Veden findet man, wenn man lange genug suchen möchte, scheinbar Belege für eine Urheimat der Arier.  Dort ist die Rede von einer „Insel des Glanzes“, der „Sveta-Dvipa“. Sie liege im höchsten Norden, wo das Nordvolk, genannt Uttarakara, auf einer Insel im Milchmeer lebe. Ein vedisches Atlantis. Doch die Sintflut, so wird berichtet, habe dem Ganzen ein Ende gemacht, indem sie die Erdachse neigte....

Fischefrauen und Rindermänner

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  Heute wird gearbeitet. Gunn-Marit und ich binden uns Schürzen um, die beiden Männer steigen in ihre Overalls. Im Stall klemmt ein Wasserventil, das muss repariert werden. Dann müssen, wie jeden Tag, die Kühe gefüttert werden. Währenddessen steht für uns Tradwifes die Arbeit im Haus an. Fische müssen filetiert werden. Gunn-Marit holt die großen Dorsche aus ihrem Zwischenlager im Transporter auf dem Hof. Verderben kann hier nichts, es hat Minus 14 Grad und die Sonne scheint. "Osterwetter", meint Gunn-Marit. "Hhhmm", denke ich, "vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick - das trifft es hier im Norden nicht so ganz."     „Gerade fing man einen Dorsch, der wog 51 Kilo“, informiert mich Gunn-Marit, als wir am Waschbecken den Schleim von der Fischhaut bürsten. Die Norweger verwenden am liebsten das Präteritum, was in Deutsch immer etwas vornehm klingt: Ich aß den Fisch, den ich vorher bürstete. Mit einer Schere schneide...

Inventio Fortunata

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  "Inmitten der vier Länder befindet sich ein Strudel, in den die vier nach innen gerichteten Meere münden, welche den Norden teilen. Das Wasser strömt umher und versickert in der Erde, als würde man es durch einen Filtertrichter gießen. Er ist vier Grad breit auf jeder Seite des Pols, also insgesamt acht Grad. Nur dass direkt unter dem Pol mitten im Meer ein kahler Felsen liegt. Sein Umfang beträgt fast 33 französische Meilen, und er besteht vollständig aus magnetischem Gestein. Er ist so hoch wie die Wolken, und man kann ihn vom Meer aus rundherum sehen.Er ist schwarz und glänzend. Nichts wächst dort, denn es liegt nicht einmal eine Handvoll Erde darauf." Im Jahr 1360 reist ein Franziskanermönch weit über den Rand der bisher bekannten Welt hinaus in den Norden. Als er von seiner Abenteuerfahrt zurückkehrt, erzählt er dem König von Norwegen von den Wundern, die er erblickt hat. Von dem Magnetberg am Nordpol, von dem Strudel, der die Weltmeere abfließen lässt und von den merk...

Die blaue Pille

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  "Dies ist deine letzte Chance, danach gibt es kein Zurück! Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland" Morpheus in "Matrix"  Ich schlucke die blaue Pille. Von Frankfurt nach Kopenhagen, von Kopenhagen nach Oslo, von Oslo nach Bodo. So sieht unser Flugplan aus. Dr. Google empfiehlt eine winzige blaue Pille, die komplett von Flugangst befreien soll. Ich schlucke sie, bevor wir in Frankfurt an Bord gehen. Wir starten und nach etwa 20 Minuten will Rainer aufs WC. Ich muss aufstehen. Wie mache ich das jetzt? denkt mein schwer verlangsamtes Gehirn. Zuerst die Zeitung weglegen - wohin nur? Aufstehen, aber die Zeitung ist noch im Weg und meine Arme auch, die Beine bewegen sich in der falschen Reihenfolge - ich fühle mich wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Irgendwie schaffe ich es aus dem Sitz. Tatsächlich ist die Flugangst weg. M...

Gehen im Eis

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  Lausche auf die Weite, sie ruft dich zurück! Fridtjof Nansen   Für mich brechen die letzten Tage am Polarkreis an. Der Regen hat aufgehört und manchmal können wir auch die Sonne sehen. Tauwetter lässt die Eisfläche eines der großen Seen aufbrechen. Wir wandern auf der Zufahrt zu einem Wasserkraftwerk. Das Konzept Wanderweg als Mittel der Freizeitgestaltung ist hier in der Gegend unbekannt. Wo ein Weg ist, ist ein Ziel.   Wer sein Ziel noch nicht vor Augen hat, muss sich in wegloses Dickicht wagen, sich durch Moore tasten und über Felsen klettern – immer aufmerksam beobachtet durch die Seeadler, die über den Wanderern kreisen. Und wo man auch geht: Immer war schon einer vorher da. Die Erde ist markiert mit dem Kot von Elchen, Rentieren, Schafen, Kühen. Sogar ein Lama gibt es. Wir entdecken das Tier auf einer Weide am Weg. Lamas sollen die Lämmer vor den Füchsen schützen.        Es gibt ein Buch von Werner Herzog: „Vom G...

Auf dem Berg

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Als ich morgens aufwache, scheint die Sonne aus einem Wolkenloch auf die verschneiten Bergspitzen. Heute wird gewandert. Wanderwege sind hier höchstens Pfade, die sich durch Wachholder- und Blaubeer-Gestrüpp winden. Der Untergrund besteht aus rutschigen, vereisten Felsen. Gunn Marit hat sich einen Tag freigenommen und so gehen wir auf Tour. Vom Kirchhof in Kjerringøy geht es rauf zu einem Berg, von dem ich gerade den Namen vergessen habe. Steil und kaum als solcher zu erkennen, führt der Wanderpfad auf den namenlosen Berg hinauf. Es ist warm, um die Null Grad, und so fange ich bald an zu schwitzen in meiner leichten Daunenjacke.        Wir machen einen Abstecher zu einer Hütte, die sich die Einwohner von Kjerringøy gebaut haben. Sie besteht aus Birkenstämmen und sieht eher aus wie ein Zelt. Innen befinden sich ein Ofen und drei Bänke. In dem kleinen Raum, in dem man nur geduckt sitzen kann, haben die Einheimischen früher öfter mal gefeiert. Jet...

Fischer an Land

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  Abends, als das selbst gemachte Sushi aus frischem Fisch gerade auf dem Tisch steht, kommt Kjetil der Fischer herein. Hier steht die Haustür immer offen. Spätestens auf der Fähre zurück zum Festland würden Diebe auffallen – man kennt sich in der Gegend. Kjetil setzt sich mit seiner zerrissenen, verfleckten orangenen Arbeitsjacke an den Tisch und guckt, wie nur Kjetil gucken kann. Da ich sein Norwegisch nur schwer verstehe, was sicher auch an dem Kautabak liegt, den er unter seine Lippe gestopft hat, habe ich Zeit, mir sein Gesicht anzusehen. Es ist ein freundliches Gesicht mit zornvollen Augen – fast wie eine dieser japanischen Samurai-Statuen.       Sushi will er nicht, er hat gerade ein Wienerbrød verspeist, ein Puddingteilchen. Als Svein ihm ein Stück Sushi anbietet, schaut er das Lachsmaki an, als würde es aus Polyester mit Bauschaumfüllung bestehen. „Nej“, entfährt es ihm. „Daran werdet ihr sterben“, bemerkt er düster. Kjetil isst li...

Dem Schnee beim Schmelzen zusehen

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  Was geschieht, wenn nichts geschieht? Unser durchgetaktetes Leben kommt hier zum Stillstand. Es gibt einfach gerade nichts zu tun, nichts zu entdecken, nichts zu erledigen.   Sonntag in Kjerringøy. Nach einem ausführlichen Frühstück ziehen wir uns Regenkleidung an und gehen ein wenig spazieren. Wanderwege gibt es hier nur einige wenige. Wenn man am Meer entlang gehen möchte, muss man über Felsen klettern und durch aufgeweichte moorige Wiesen gehen, auf denen eine Art Heidekraut wächst. Der Wind ist wieder stärker geworden. Weiße Gischtteufel reiten auf den Wellen draußen im Fjord. Nah am Ufer schaukelt eine rote Boje, die sich von einem Fischernetz losgemacht hat – ein leuchtender Farbfleck in der grau-braun-blauen Landschaft. Im aufgeweichten Schnee sehen wir Elchspuren. Über uns kreisen zwei neugierige Seeadler.   Auf dem Weg zurück laufen wir über die verwitterte Landstraße. Etwa jede halbe Stunde fährt ein Auto vorbei. Ansonsten ist es stil...

Die Liebe des Grafen Zahl

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  Beim Aufwachen hat sich der Sturm gelegt, doch nun regnet es in Strömen. Auf dem gefrorenen Boden entstehen große Wasserlachen. Weil wir uns gestern so viel Zeit mit den Zäunen genommen haben, steht heute der Almauftrieb bevor. Das heißt, die Jungbullen müssen von den Kühen getrennt werden und auf eine neue Weide umziehen.  Aber zuerst frühstücken wir. Als eine Stunde danach der kleine Hunger erscheint, gehen wir ins örtliche Café im Gamle Handelssted. Dort haben wir die Auswahl unter sehr leckeren Torten. Unser Urteil: Am besten schmeckt „verdens beste“. Die „Weltbeste-Torte“ wurde in einem nationalen Entscheid vor ein paar Jahren zu Norwegens bestem Backwerk gekürt. Sie besteht aus einem dünnen Bisquitteig, gefüllt mit Mandel-Eier-Buttercreme und einem Eischnee-Deckel. So gestärkt sehen wir uns einen kleinen Film im Handelssted an. Das Museum dieses alten Handelspostens ist noch nicht geöffnet, aber der Film läuft schon.   ...

Zaunbäuerin

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  Als die Mannschaft der Belgica 1897 ins Packeis der Antarktis aufbrach, hatte sie eine halbe Tonne Dynamit an Bord, um sich den Weg nach Hause freizusprengen. Zuverlässiger als Dynamit ist der Klimawandel. Die dicke Eisschicht, die uns am ersten Abend noch empfangen hat, beginnt wegzuschmelzen.   Eigentlich wollten wir auf der Suche nach der Stille an den Fjorden lustwandeln und die eine oder andere Aufnahme machen von schmelzendem Eis oder dem stärker werdenden Wind. Doch wie das in der Arktis nun mal ist – gutes Wetter ohne Schnee oder Regen muss man ausnutzen. Und so werden heute Zäune geflickt. Gunn Marit, Rainer und ich gehen zu der Weide am Strand. Hier hat ein Sturm vor ein paar Wochen ganze Arbeit geleistet. Die Zaunpfähle sind schief und die Drähte in einer Masse von Tang und Sand eingefroren. Unmöglich, sie daraus zu lösen. Während Rainer mit der Hilti Löcher für neue Pfosten in den vereisten Strand bohrt, gehen Gunn Marit und ich auf die Such...