Schauspiele
Da wir abends ins Theater gehen, fällt unser täglicher Spaziergang nur kurz aus. Wir laufen am gefrorenen Strand von Fjaere ein wenig in die eine, dann wieder in die andere Richtung. Auf einer Bank vor dem Landhandel genießen wir eine süße Waffel in der Sonne. Es hat nur wenige Grad unter Null und das kommt uns jetzt schon warm vor.
Das Theaterstück, das wir uns in Bodø anschauen, handelt von den Indigenen Norwegens, den Samen, und der Begegnung dieser zwei sehr unterschiedlichen Lebensweisen. Erzählt wird das Ganze anhand einer Liebesgeschichte von einer finnischen Samen-Frau, die in Norwegen einen Mann finden will. So weit die Informationen, die ich in Vorfeld habe. Vom Theaterstück verstehe ich nämlich kein Wort. Und so muss ich mir meine eigene Geschichte zusammenreimen.
Die Hauptperson redet für eine Finnin ganz schön viel, das fällt mir gleich zu Beginn auf. Sie hat wohl zwei Söhne, und sie führt ein strenges Regiment. Jetzt soll es nach Norwegen gehen, um einen Mann zu finden. Die Familie besteigt ein Holzgestell, auf dem einige Gipstauben montiert sind - das symbolisiert wohl die Fahrt nach Norwegen.
Dort angekommen, finden sie Arbeit auf einem Kartoffel-Hof. Die Söhne rennen sofort raus aufs Feld und die Mama schäkert unterdessen mit dem Kartoffelbauern rum, der ist aber verheiratet. Deshalb gibt es von der Ehefrau, die bei Kartoffelbauerns wohl das Geld verwaltet, keinen Lohn am Ende des Tages. Die Kartoffelbäuerin wirft stattdessen den Samen ein paar Birkenzweige hin. Die freuen sich trotzdem und gehen erst mal in die Sauna.
Auf dem Kartoffel-Hof scheinen einige Leute ziemlich krank zu sein. Die Samen-Frau heilt eine Herzkranke, bringt ein Kind auf die Welt und so langsam frage ich mich, warum sie unbedingt einen Mann finden will und nicht stattdessen eine Praxis als Heilpraktikerin eröffnet. Aber sie schnackselt lieber mit dem Bauern rum, was Probleme gibt. Schließlich hat die Samen-Frau auch einen Herzinfarkt, überlebt den aber.
Dass das Stück modernes Theater ist, merke ich spätestens, als eine Ladung Trockenfisch auf die Bühne geworfen wird. Und gerade als ich mir überlege, dass die Schauspielerin, die die Samenfrau spielt, ein Textbuch dick wie die Bibel haben muss, während bei den anderen drei DIN A 4 Blätter genügen, ist das Stück zu Ende.
Als wir das Theater verlassen, sehen wir am Hafen von Bodø ein kräftiges Nordlicht über den Schiffen aufgehen. Überall stehen Touristen mit ihren Handys und machen Fotos, genauso wie ich. Wir beschließen, an einen einsamen Strand zu fahren, um dort das Nordlicht besser genießen zu können. Doch am Strand angekommen sehen wir nur ein ganz schwaches Glühen.
Inzwischen ist die Temperatur gefallen. Als wir in den Weg zum Haus einbiegen, zeigt das Thermometer -19 Grad an. Wir steigen gerade aus dem warmen Auto aus, da flammt das Nordlicht direkt über dem Haus auf. Obwohl es fast schon Mitternacht ist, können Rainer und ich nicht schlafen gehen - wir müssen das Schauspiel beobachten. Dieses Mal flackert das Polarlicht nicht, es weht wie ein zarter Vorhang. Hunderte hauchdünne Lichtstreifen stoßen sich an wie Dominosteine und bringen den Vorhang ins Fließen. Jetzt zeigen sich auch verschiedene Farben, das Nordlicht glüht von Grün nach Rot.
Ich meine ein schwaches Zischen zu hören, das sich im Takt mit der Bewegung ausbreitet. Rainer und ich stehen im Schnee und sind glücklich, das hier sehen zu können. Gleichzeitig ist es jetzt wirklich kalt. Und es wartet noch Arbeit im Stall auf Rainer und in der Küche auf mich. Während Svein, Gunn-Marit und Rainer die hungrigen Kühe füttern, spüle ich die ganzen Töpfe, die von verschiedenen Fischsuppen-Kochaktionen übrig geblieben sind.
Dann fallen wir alle müde ins Bett. Kaum habe ich die Augen zugemacht, bimmelt meine Polarlicht-App los. Doch Rainer und ich können einfach nicht mehr.

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