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Inventio Fortunata

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  "Inmitten der vier Länder befindet sich ein Strudel, in den die vier nach innen gerichteten Meere münden, welche den Norden teilen. Das Wasser strömt umher und versickert in der Erde, als würde man es durch einen Filtertrichter gießen. Er ist vier Grad breit auf jeder Seite des Pols, also insgesamt acht Grad. Nur dass direkt unter dem Pol mitten im Meer ein kahler Felsen liegt. Sein Umfang beträgt fast 33 französische Meilen, und er besteht vollständig aus magnetischem Gestein. Er ist so hoch wie die Wolken, und man kann ihn vom Meer aus rundherum sehen.Er ist schwarz und glänzend. Nichts wächst dort, denn es liegt nicht einmal eine Handvoll Erde darauf." Im Jahr 1360 reist ein Franziskanermönch weit über den Rand der bisher bekannten Welt hinaus in den Norden. Als er von seiner Abenteuerfahrt zurückkehrt, erzählt er dem König von Norwegen von den Wundern, die er erblickt hat. Von dem Magnetberg am Nordpol, von dem Strudel, der die Weltmeere abfließen lässt und von den merk...

Die blaue Pille

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  "Dies ist deine letzte Chance, danach gibt es kein Zurück! Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland" Morpheus in "Matrix"  Ich schlucke die blaue Pille. Von Frankfurt nach Kopenhagen, von Kopenhagen nach Oslo, von Oslo nach Bodo. So sieht unser Flugplan aus. Dr. Google empfiehlt eine winzige blaue Pille, die komplett von Flugangst befreien soll. Ich schlucke sie, bevor wir in Frankfurt an Bord gehen. Wir starten und nach etwa 20 Minuten will Rainer aufs WC. Ich muss aufstehen. Wie mache ich das jetzt? denkt mein schwer verlangsamtes Gehirn. Zuerst die Zeitung weglegen - wohin nur? Aufstehen, aber die Zeitung ist noch im Weg und meine Arme auch, die Beine bewegen sich in der falschen Reihenfolge - ich fühle mich wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Irgendwie schaffe ich es aus dem Sitz. Tatsächlich ist die Flugangst weg. M...

Gehen im Eis

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  Lausche auf die Weite, sie ruft dich zurück! Fridtjof Nansen   Für mich brechen die letzten Tage am Polarkreis an. Der Regen hat aufgehört und manchmal können wir auch die Sonne sehen. Tauwetter lässt die Eisfläche eines der großen Seen aufbrechen. Wir wandern auf der Zufahrt zu einem Wasserkraftwerk. Das Konzept Wanderweg als Mittel der Freizeitgestaltung ist hier in der Gegend unbekannt. Wo ein Weg ist, ist ein Ziel.   Wer sein Ziel noch nicht vor Augen hat, muss sich in wegloses Dickicht wagen, sich durch Moore tasten und über Felsen klettern – immer aufmerksam beobachtet durch die Seeadler, die über den Wanderern kreisen. Und wo man auch geht: Immer war schon einer vorher da. Die Erde ist markiert mit dem Kot von Elchen, Rentieren, Schafen, Kühen. Sogar ein Lama gibt es. Wir entdecken das Tier auf einer Weide am Weg. Lamas sollen die Lämmer vor den Füchsen schützen.        Es gibt ein Buch von Werner Herzog: „Vom G...

Auf dem Berg

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Als ich morgens aufwache, scheint die Sonne aus einem Wolkenloch auf die verschneiten Bergspitzen. Heute wird gewandert. Wanderwege sind hier höchstens Pfade, die sich durch Wachholder- und Blaubeer-Gestrüpp winden. Der Untergrund besteht aus rutschigen, vereisten Felsen. Gunn Marit hat sich einen Tag freigenommen und so gehen wir auf Tour. Vom Kirchhof in Kjerringøy geht es rauf zu einem Berg, von dem ich gerade den Namen vergessen habe. Steil und kaum als solcher zu erkennen, führt der Wanderpfad auf den namenlosen Berg hinauf. Es ist warm, um die Null Grad, und so fange ich bald an zu schwitzen in meiner leichten Daunenjacke.        Wir machen einen Abstecher zu einer Hütte, die sich die Einwohner von Kjerringøy gebaut haben. Sie besteht aus Birkenstämmen und sieht eher aus wie ein Zelt. Innen befinden sich ein Ofen und drei Bänke. In dem kleinen Raum, in dem man nur geduckt sitzen kann, haben die Einheimischen früher öfter mal gefeiert. Jet...

Fischer an Land

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  Abends, als das selbst gemachte Sushi aus frischem Fisch gerade auf dem Tisch steht, kommt Kjetil der Fischer herein. Hier steht die Haustür immer offen. Spätestens auf der Fähre zurück zum Festland würden Diebe auffallen – man kennt sich in der Gegend. Kjetil setzt sich mit seiner zerrissenen, verfleckten orangenen Arbeitsjacke an den Tisch und guckt, wie nur Kjetil gucken kann. Da ich sein Norwegisch nur schwer verstehe, was sicher auch an dem Kautabak liegt, den er unter seine Lippe gestopft hat, habe ich Zeit, mir sein Gesicht anzusehen. Es ist ein freundliches Gesicht mit zornvollen Augen – fast wie eine dieser japanischen Samurai-Statuen.       Sushi will er nicht, er hat gerade ein Wienerbrød verspeist, ein Puddingteilchen. Als Svein ihm ein Stück Sushi anbietet, schaut er das Lachsmaki an, als würde es aus Polyester mit Bauschaumfüllung bestehen. „Nej“, entfährt es ihm. „Daran werdet ihr sterben“, bemerkt er düster. Kjetil isst li...

Dem Schnee beim Schmelzen zusehen

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  Was geschieht, wenn nichts geschieht? Unser durchgetaktetes Leben kommt hier zum Stillstand. Es gibt einfach gerade nichts zu tun, nichts zu entdecken, nichts zu erledigen.   Sonntag in Kjerringøy. Nach einem ausführlichen Frühstück ziehen wir uns Regenkleidung an und gehen ein wenig spazieren. Wanderwege gibt es hier nur einige wenige. Wenn man am Meer entlang gehen möchte, muss man über Felsen klettern und durch aufgeweichte moorige Wiesen gehen, auf denen eine Art Heidekraut wächst. Der Wind ist wieder stärker geworden. Weiße Gischtteufel reiten auf den Wellen draußen im Fjord. Nah am Ufer schaukelt eine rote Boje, die sich von einem Fischernetz losgemacht hat – ein leuchtender Farbfleck in der grau-braun-blauen Landschaft. Im aufgeweichten Schnee sehen wir Elchspuren. Über uns kreisen zwei neugierige Seeadler.   Auf dem Weg zurück laufen wir über die verwitterte Landstraße. Etwa jede halbe Stunde fährt ein Auto vorbei. Ansonsten ist es stil...

Die Liebe des Grafen Zahl

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  Beim Aufwachen hat sich der Sturm gelegt, doch nun regnet es in Strömen. Auf dem gefrorenen Boden entstehen große Wasserlachen. Weil wir uns gestern so viel Zeit mit den Zäunen genommen haben, steht heute der Almauftrieb bevor. Das heißt, die Jungbullen müssen von den Kühen getrennt werden und auf eine neue Weide umziehen.  Aber zuerst frühstücken wir. Als eine Stunde danach der kleine Hunger erscheint, gehen wir ins örtliche Café im Gamle Handelssted. Dort haben wir die Auswahl unter sehr leckeren Torten. Unser Urteil: Am besten schmeckt „verdens beste“. Die „Weltbeste-Torte“ wurde in einem nationalen Entscheid vor ein paar Jahren zu Norwegens bestem Backwerk gekürt. Sie besteht aus einem dünnen Bisquitteig, gefüllt mit Mandel-Eier-Buttercreme und einem Eischnee-Deckel. So gestärkt sehen wir uns einen kleinen Film im Handelssted an. Das Museum dieses alten Handelspostens ist noch nicht geöffnet, aber der Film läuft schon.   ...