Die Deutschen und die Arktis


 Das sind die Überreste der Wetterstation Knospe. Im Zweiten Weltkrieg bauen die Nazis ein Netz von Wetterbeobachtungs-Hütten weit hinter dem Polarkreis. Knospe ist eine davon, aber auch in Edelweiß, Bassgeige, Holzauge und Nussbaum wird den Wolken nachgeschaut und die Temperatur gemessen. Die Namenswahl lässt eine spezielle Art des deutschen Humor erkennen.

Auf Franz Joseph Land wird unter dem Decknahmen Schatzgräber eine weitere Wetterstation eingerichtet. Neben der eintönigen Arbeit der Wetterbeobachtung geht man dort 1944 auf Bärenjagd. Wetterinspektor Gerhard Wallik und der Marine-Obergefreite Werner Blankenburg erlegen am 30. Mai einen Eisbären.

 

Blankenburg, der als Koch auf der Station angestellt ist, verarbeitet das Fleisch zu Buletten, die von der Besatzung roh verspeist werden, da gerade das Brennmaterial knapp ist. Alle außer dem Sanitäter Gerhard Hoffmann, der wie sein großes Vorbild Adolph Hitler Vegetarier ist, erkranken in der Folge an Trichinellose. Der Eisbär hatte Würmer. Man funkt also ins Hauptquartier und Stabsarzt Dr. Wendt wird dazu ausersehen, über Franz Joseph Land mit einem Fallschirm abzuspringen und die Besatzung zu retten. 

 

Dr. Wendt, der in seinem Leben noch nie einen Fallschirm gesehen hat, besucht einen Schnell-Lehrgang und bereitet sich beim Überflug über die Station auf den ersten Fallschirmsprung seines Lebens vor. Doch dazu kommt es nicht - der Pilot beschließt spontan neben Schatzgräber zu landen und bricht prompt das Bugfahrwerk ab. Die kranke Mannschaft freut sich evakuiert zu werden, bis auf den halluzinierenden Stationsleiter Dr. Drees, bei dem die Würmer bis ins Gehirn vorgedrungen sind. Er beschimpft den Rettungstrupp und fordert, „dass vier Mann erschossen werden müssten.“ 

 

Im Angesicht ihres wurmstichigen Kommandeurs ziehen die restlichen Männer Lose, wer dem randalierenden Kameraden den Gnadenschuss geben soll. Dr. Wendt zieht jenes Unglücks-Los, schafft es aber, den Kranken zu beruhigen. Danach wartet man auf Ersatzteile für das zerstörte Fahrwerk. Die werden nach ein paar Tagen per Fallschirm abgeworfen und alle fliegen zurück nach Trondheim. 


Nicht so schnell ins Reich zurück kommt die Besatzung der Wetterstation Haudegen. Es ist September 1945, die Wehrmacht hat längst kapituliert, doch die Wetterbeobachter auf Spitzbergen hat man beim Oberkommando schlicht vergessen. Der Trupp bleibt auf seinem Posten, übermittelt Wetterdaten in die Heimat und hält die Stellung. Schließlich schickt Norwegen das Robbenfangschiff Blaasel zu den einsamen Soldaten. Stationsleiter Wilhelm Dege unterschreibt dem Kapitän eine Kapitulationserklärung im Namen des untergegangenen Tausendjährigen Reiches und dann darf auch die letzte Wehrmachtseinheit, die kapituliert, in die Heimat zurückkehren.

 

Die Faszination der Deutschen für die Arktis ist ungebrochen. Sie zeigt sich schon früh, als die Deutsche Arktische Expedition geplant wird. Im Jahr 1913 will man die Nordostpassage durchqueren. Doch schon die vorbereitende Erkundungsfahrt im Jahr 1912 geht derart schief, dass die deutschen Arktisträume erst einmal auf Eis gelegt werden.

 

Expeditionsleiter Herbert Schröder-Stranz wird als Herbert Schröder auf dem Rittergut seiner Eltern geboren. Später hängt er die Ortsbezeichnung an seinen Nachnamen an, um sich von seinen vielen Namensvettern zu unterscheiden. Mit der Vorab-Expedition nach Spitzbergen im Jahr 1912 will der Kriegsfreiwillige, der als 19-Jähriger beim vierten Garderegiment zu Fuß in Deutsch-Südwestafrika dient und dort bei der Niederschlagung des Aufstandes der Herero und Nama beteiligt ist, öffentliche Aufmerksamkeit auf sein Projekt lenken und weitere Geldgeber gewinnen.

 

An Größenwahn fehlt es Schröder-Stranz nicht. So plant er, als erster Mensch mit einem Flugzeug die Arktis zu erkunden. Doch Alfred Ritscher, der Pilot, stürzt kurz vor der Expedition ab und verletzt sich. Nun will man doch mit dem Schiff nach Spitzbergen fahren. Ein polarerfahrener Kapitän steht nicht zur Verfügung und so ernennt man den Piloten Alfred Ritscher zum Kapitän der Herzog Ernst. Gleich zu Anfang der Fahrt lässt Schröder-Stranz die Expeditionsteilnehmer wissen, dass der Ausflug ins Eis etwas länger dauern könnte, inklusive einer Überwinterung. Der Schiffsarzt verlässt daraufhin die Expedition.

 

Die Herzog Ernst kommt nicht weit, Treibeis macht eine Weiterfahrt unmöglich. Kein Problem für Schröder-Stranz. Er schlägt vor, mit Schlitten auf dem Eis zur Küste zu gelangen. Am 15. August macht er sich direkt vom im Treibeis dümpelnden Schiff auf den Weg in Richtung Festland und verschwindet für immer.


Als das Schiff in der Sorgebai einfriert, halten es auch die restlichen Expeditionsteilnehmer nicht mehr an Bord aus. Obwohl sie genügend Vorräte für eine Überwinterung an Bord haben, entschließen sie sich, zu Fuß zu einer 300 Kilometer entfernten Siedlung am Adventfjord zu gehen - das heutige Longyearbyen. Nur die norwegische Crew bleibt auf dem Schiff zurück. Sie erkennt die Aussichtslosigkeit des Unterfangens.

  

Die Gruppe kommt nur langsam voran. Nach fünf Tagen erreicht sie eine Schutzhütte in der Mosselbai – für diese Strecke war ursprünglich nur ein Tag veranschlagt worden. Die Männer beschließen, in der Schutzhütte zu bleiben. Doch Erwin Detmers und Walter Moeser werden ungeduldig. Sie verlassen die Mosselbai ohne ihre Schlafsäcke mitzunehmen. Am 29. September werden ihre Silhouetten am Horizont das letzte Mal gesehen. 

 

Jetzt wollen auch die anderen Expeditionsteilnehmer weiter. Am 4. Oktober erreicht die Gruppe an der Wijdebai eine Hütte von Robbenfängern. Die Füße des Ozeanographen Hermann Rüdiger sind erfroren, er kann nicht mehr weitergehen. Zusammen mit Christopher Rave bleibt er in der Hütte. Als ihre Vorräte zur Neige gehen, beschließen die beiden zum Schiff zurückzukehren. Am 1. Dezember, in der Dunkelheit der Polarnacht, kommen sie wieder am Schiff an. Dort müssen dem unglücklichen Rüdiger ein Fuß und mehrere Fingerglieder amputiert werden - ohne Narkose. Kurz darauf stirbt der Schiffskoch an Tuberkulose.

 

Der Pilot und Kapitän Alfred Ritscher, der mit mehreren Teilnehmern über das Eis wandert, verlässt die Gruppe und zieht alleine weiter. Einen Schlafsack nimmt auch er nicht mit, wohl aber einen Wecker. Bei jeder Pause stellt er ihn auf 15 Minuten, um nicht im Schlaf zu erfrieren. Am Isfjord balanciert er über Treibeisschollen und kommt schließlich am 27. Dezember in Longyearbyen an.

 

Zahlreiche Rettungsaktionen versuchen die im Eis gebliebenen Kameraden zu bergen. Die deutsche Öffentlichkeit nimmt großen Anteil an dem Schicksal der Expedition. Im Oktober 1913 kommt sogar ein Film über eine der Rettungsaktionen ins Kino. Gedreht wird er von Sepp Allgeier, der später mit Leni Riefenstahl arbeiten wird. "Mit der Kamera im ewigen Eis" geht allerdings in den Kriegswirren verloren. 

 

Die einhellige Meinung über die Expedition bringt damals der Geologe Hans Phlipp mit den Worten zum Ausdruck: "Ein solch völlig unüberlegtes Unternehmen kann nur als blindes Draufgängertum bezeichnet werden und muß notwendigerweise zur Katastrophe führen." 

 

Wenig ist geblieben von den deutschen Arktisträumen. Im Jahr 1937 findet der deutsche Soldat Alfred Schlösser, der auf jener Station Haudegen in Spitzbergen stationiert ist, die oben schon beschrieben wurde, drei Teller aus Aluminium. 

 

Das ist alles, was von der glorreichen Schröder-Stranz-Expedition und von den deutschen Arktis-Träumen übrig bleibt. 

 


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