Inventio Fortunata
"Inmitten der vier Länder befindet sich ein Strudel, in den die vier nach innen gerichteten Meere münden, welche den Norden teilen. Das Wasser strömt umher und versickert in der Erde, als würde man es durch einen Filtertrichter gießen. Er ist vier Grad breit auf jeder Seite des Pols, also insgesamt acht Grad. Nur dass direkt unter dem Pol mitten im Meer ein kahler Felsen liegt. Sein Umfang beträgt fast 33 französische Meilen, und er besteht vollständig aus magnetischem Gestein. Er ist so hoch wie die Wolken, und man kann ihn vom Meer aus rundherum sehen.Er ist schwarz und glänzend. Nichts wächst dort, denn es liegt nicht einmal eine Handvoll Erde darauf."
Im Jahr 1360 reist ein Franziskanermönch weit über den Rand der bisher bekannten Welt hinaus in den Norden. Als er von seiner Abenteuerfahrt zurückkehrt, erzählt er dem König von Norwegen von den Wundern, die er erblickt hat. Von dem Magnetberg am Nordpol, von dem Strudel, der die Weltmeere abfließen lässt und von den merkwürdigen Inseln, die dort liegen, genannt Friesland, Pygmei, Groeland und Nova Zembla. Er schreibt alles auf und nennt seinen Text Inventio Fortunata. Was soviel bedeutet wie: Glückverheißende Reise.
Wir schreiben das Jahr 1559. Der Text des Franziskanermönches ist schon lange verloren gegangen, doch einige seiner Zeitgenossen haben damals aufgeschrieben, an was sie sich noch erinnern konnten. Jakob van Knoyen fügt die Textschnipsel zu einem neuen Werk zusammen, "Iterarium" genannt. Das Iterarium wird zur Grundlage einer Landkarte des berühmten Kartografen Gerard Mercartor. Mercartor zeichnet diese Karte ziemlich am Ende seines Lebens und er erfährt aus dem Iterarium auch, dass die Nachfahren König Arthurs auf Grönland und den Inseln nahe des Nordpols siedeln:
"Nahezu 4000 Mann stachen in die nordwärts drängende See und kamen nie wieder zurück. Aber im Jahr 1364 besuchten acht Männer von ihnen den norwegischen Königshof. Alle acht waren von jenen, die mit den ersten Schiffen die nördlichen Regionen durchdrangen."
Erst im Jahr 1909 wird ein Robert E. Peary behaupten, den Nordpol erreicht zu haben. Den Magnetberg und die abfließenden Meere findet er nicht, nur Eis und Sturm. Und doch wird sich der Mythos des geheimen Landes am Pol weiter halten. Um den Pol ranken sich viele Mythen, sei es das Unternehmen Schatzgräber und die Reichsflugscheibe oder die Entdeckung, dass der Garten Eden am Nordpol lag. Von einigen dieser Ideen wird hier noch zu lesen sein.
Aber wir kehren nun in die Gegenwart zurück. Kjerrringoy liegt still und tief verschneit da. Auf einer kleinen Wandertour versinken wir im kniehohen, pulvrigen Weiß. Es ist so kalt, dass der Schnee trocken und fein wie Puderzucker ist. Gegen vier Uhr am Nachmittag taucht die Sonne die verschneiten Berge in rosa, orange, lila und rot. Wasserfälle haben sich in strahlend blaue Eisskulpturen verwandelt. Auf den Stromleitungen sitzen Nebelkrähen.
Wie zum Beweis, dass wir wirklich in Norwegen sind, taucht eine Elchfamilie auf und zieht gemächlich durch den Tiefschnee. Wir sind inzwischen auf dem Weg zur Fähre. Gunn-Marit hat endlich das Transportunternehmen erreicht, das unsere Koffer bringen soll. Die Fahrerin muss aber zuerst einem Hurtigruten-Schiff hinterherfahren, um den Touristen dort ihr Gepäck auszuhändigen. Wir vereinbaren, dass sie unsere Koffer in Festvag auf die Fähre legt und wir sie auf der anderen Seite, in Misten, wieder abholen. Das klappt perfekt und endlich können wir die dünne Reisekleidung gegen warme Wandersachen tauschen.
Die Polarlicht-Vorhersage prophezeit uns ein Nordlicht um 22 Uhr und es kommt pünktlich. Von einem strahlenden Sternenhimmel fällt grüner Staub. Vorhänge aus Licht wehen wie im Sturm über das Land, so schnell, dass sie auf den Fotos unscharf abgebildet werden. Dann ist die Vorstellung vorbei und wir gehen zum Haus zurück. Einmal noch drehe ich mich zum Abschied um und sehe den Himmel gefüllt mit grünen Rechtecken, die langsam herabschweben. Dann verblassen auch sie und machen wieder den leuchtenden Sternen Platz. Zeit, ins Bett zu gehen.

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