Der Lichtschalter im Weltall


 Morgens um halb neun färbt die aufgehende Sonne die verschneiten Berge golden. Hier wird es nur ganz langsam Tag, denn das Sonnenlicht trifft uns immer noch aus einem flachen Winkel. Doch schon im März wird es hier länger hell als dunkel sein, ab Ende Mai wird die Sonne überhaupt nicht mehr untergehen. 

Beim Frühstück schaue ich aus dem Fenster auf die Berge. Mein Lieblingsberg sieht aus wie eine perfekte Pyramide, die leicht zur Seite geneigt ist. Als wäre die Gipfelspitze einmal vor Jahrhunderten angetaut und ein Stück den Hang hinabgerutscht. Und dann wieder festgefroren.

Heute, bei strahlendeme Sonnenschein, wollen wir wandern gehen. Da es hier keine Wanderwege gibt, wie wir sie kennen und die Landschaft tief verschneit ist, suchen wir uns eine Schneescooter-Spur. Wahrscheinlich ist Kjetil, der Fischer, hier langgedüst, denn er hat sich einen neuen Scooter gekauft. "Viertakter", sagt er stolz und seine Augen leuchten. "Ich bin auf den Kvarven gefahren", ergänzt er und meint damit einen der steilsten Berge der Gegend. Ob das wahr ist oder Fischerlatein können wir nicht entscheiden. Wir folgen der Spur, die am besten geräumt aussieht und laufen bergan durch ein Ferienhaus-Gebiet. Gefühlt jeder Norweger hier hat ein Boot und eine Hytta - eine Ferienhütte. 

"Hütte" beschreibt die Anwesen, die wir hier sehen, aber nur ungenügend, es sind eher solide Einfamilienhäuser mit Panorama-Glasfronten auf der Fjord-Seite und dem einen oder anderen Whirlpool im Garten, neben dem ein Elektroauto aus der Hochpreis-Klasse parkt. Etwa zwei bis drei Millionen norwegische Kronen muss man für die Hytta hinlegen - etwa 200.000 bis 300.000 Euro, hinzu kommen nochmal 30.000 Euro fürs Grundstück. Für den Ausbau und den Unterhalt der Wege sind die Grundstückseigner ebenfalls zuständig. 

Wir folgen der Scooter-Spur in Richtung eines kleinen verschneiten Moores. Irgendwann hört die Spur ganz auf und wir stapfen durch den tiefen Schnee. Es ist anstrengend, obwohl der Schnee jetzt etwas fester ist, denn es hat in der Nacht ordentlich gefroren. Trozdem bin ich froh, als unser Ziel auftaucht: Der Thai-Imbiss von Kjerringoy.

Drinnen ist es warm und gemütlich. Von der Decke hängt eine ganze Kronleuchter-Sammlung. Wir setzen uns auf gedrechselte Stühle an einen großen Holztisch. Bezahlt wird hier vor dem Essen. Danach plündern wir das Thai-Buffett. Aus der Küche dringt hektischer Lärm, der sich verstärkt, als ein älteres Paar auftaucht. Die haben nämlich Essen für eine ganze Festgesellschaft bestellt. Schwer bepackt mit Tüten ziehen sie nach einer kurzen Wartezeit wieder ab. Die Besitzerin, eine rundliche Thai-Frau, kommt an unseren Tisch. Ihr Gesicht ist erhitzt und sie entschuldigt sich, beim Buffett nichts nachgeliefert zu haben. Und dann fragt sie bange, wann die Fähre aufs Festland fährt - denn das Pärchen mit dem Essensberg muss übersetzen. Wenn sie es nicht schaffen, müssen sie eine Stunde warten. Und das Essen würde kalt.

Ich überlege, wie das wäre, wenn ich mit einer Fähre zur Imbissbude fahren müsste. Ob ich das wohl machen würde? Eher nicht. Weil wir "so wenig" zu essen hatten, tischt die nette Restaurantbesitzerin uns nun wirklich auf. Sie reicht uns eine Platte mit frischen Shrimps und Glasnudeln, gefolgt von einer Tom Kha Gung-Suppe, ebenfalls mit Garnelen. "Man kann das auch mischen", informiert sie uns, "wir essen das in Thailand immer zum Frühstück." Lecker ist es auf jeden Fall und gerade als wir denken, dass nun wirklich nichts mehr in uns reinpasst, knipst sie die Lichter aus und räumt die Teller am Buffett weg. Bis nächstes Wochende ist Feierabend. Doch vorher sollen wir das übrig gebliebene Essen vom Buffett mitnehmen. Als wir rausgehen, sind wir so bepackt wie das ältere Paar vorhin.

Zuhause angekommen, schlägt die Polarlicht-App Alarm. Und tatsächlich zeigt sich das Nordlicht wieder. Mit einem Stativ ausgerüstet gehen Rainer und ich aufs Feld. Hier ist es dunkel und das Nordlicht zeigt sich von seiner schönsten Seite. Als die Pracht verblasst, lege ich mich ins Bett. Doch ich schlafe nicht lange. Wieder bimmelt die Polarlicht-App. Ich ziehe mich an und gehe nach draußen.

Jetzt ist es richtig frostig kalt. Doch das Spektakel am Himmel lässt mich die Kälte vergessen. Rainer und ich sehen nicht nur den schon bekannten Nordlicht-Bogen, wir sehen den ganzen Himmel bedeckt von Licht. Es sieht aus wie ein diffuser grün-weißer Schleier, der über unseren Köpfen weht. Dann fängt das Gebilde an zu blinken wie eine kaputte Neonröhre. An, aus, an, aus in Zehntelsekunden. Als würde die Aurora an den kosmischen Lichtschaltern spielen wie ein kleines Kind.

Nach einer halben Stunde verblasst alles plötzlich und am Himmel kehrt Ruhe ein. Die Sterne funkeln und wir gehen endlich schlafen. 

 

 

 

 

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