Fischefrauen und Rindermänner

 

Heute wird gearbeitet. Gunn-Marit und ich binden uns Schürzen um, die beiden Männer steigen in ihre Overalls. Im Stall klemmt ein Wasserventil, das muss repariert werden. Dann müssen, wie jeden Tag, die Kühe gefüttert werden. Währenddessen steht für uns Tradwifes die Arbeit im Haus an. Fische müssen filetiert werden. Gunn-Marit holt die großen Dorsche aus ihrem Zwischenlager im Transporter auf dem Hof. Verderben kann hier nichts, es hat Minus 14 Grad und die Sonne scheint. "Osterwetter", meint Gunn-Marit. "Hhhmm", denke ich, "vom Eise befreit sind Strom und Bäche, durch des Frühlings holden, belebenden Blick - das trifft es hier im Norden nicht so ganz."  

 „Gerade fing man einen Dorsch, der wog 51 Kilo“, informiert mich Gunn-Marit, als wir am Waschbecken den Schleim von der Fischhaut bürsten. Die Norweger verwenden am liebsten das Präteritum, was in Deutsch immer etwas vornehm klingt: Ich aß den Fisch, den ich vorher bürstete. Mit einer Schere schneiden wir die Flossen ab. Dann geht es ans Filettieren. Ich habe mich die ganzen Tage schon gewundert, warum es in dieser Küche so viele scharfe Ausbeinmesser gibt – jetzt weiß ich warum. Gunn-Marit zeigt mir, wie ich entlang der Rückengräte schneiden muss, um ein Filet herauszulösen. Wie eine Chirurgin mache ich mich in Gedanken mit dem Inneren des Fisches vertraut. Wie ist er gebaut, wo liegen die Gräten? Dann schneide ich das Filet heraus. Das kommt in die Gefriertruhe. Für die Reste gibt es drei Töpfe. In Topf eins kommt das geronnene Blut. In Topf zwei die kleinen Schnipsel und Fleischreste, die wir später zu Fiskekake verarbeiten – eine Art Fischbuletten. Die Gräten und die Haut landen im Topf drei, daraus kochen wir Fischfond. Wenn der fertig ist, kommen alle Reste in einen Eimer und werden wieder dem Meer übergeben.

 

Uns steht beinahe ein ganzer Tag Arbeit bevor. Svein fährt unterdessen nach Bodo und holt bei einer Brauerei den Trester ab, der beim Bierbrauen übrig bleibt. Den sollen die Kühe bekommen. Außerdem geht er eine besondere Spezialität kaufen, die es nur im Norden gibt: Dorschrogen und Dorschleber. Wer bei Rogen jetzt an die winzigen Gläser mit kleinen Fischeiern denkt, das ist es nicht, was er mitbringt. Es ist das ganze Organ, in dem der Rogen sitzt, etwa einen Kilo schwer. Dazu kommt die Dorschleber - sie ist ganz weiß.  

 

Für Torske, Lever og Rogn wickelt man zuerst das Rogen-Organ in Butterbrotpapier, verschnürt und kocht es. Man schneidet danach einen ganzen Dorsch in Scheiben, die man kurz in heißem Wasser erhitzt. Eine halbe Zwiebel wird mit der Leber vermischt - das ergibt später die Soße. Doch zuerst wird die Leber durch ein Stück grobe Gaze gepresst. Auf meine Frage, warum man das macht, antwortet Gunn-Marit, es wären "Drähte" darin. Drähte? Sehnen vielleicht oder irgendwelche Bindegewebsteile denke ich und schaue mir die Leber genauer an. Tatsächlich sehe ich kleine blaue Knäule im weißen Fleisch. Irgendwie sehen sie wie Würmer aus, die sich zusammenringeln und tatsächlich: Es sind wirklich Würmer, bestätigen mir unsere Gastgeber.

 

"Kein Deutscher würde etwas essen, in dem Würmer sind", sage ich, "zumindest keinen Fisch." "Sushi ist schlimmer", antworten sie, "diese Würmer hier - sollten noch welche drin sein - werden schließlich gekocht." Und tatsächlich schmeckt das Essen außerordentlich gut. Der Rogen ist zu einer festen Masse gekocht, die man in Scheiben schneiden kann. Zusammen mit dem frischen Fischfilet, Kartoffeln und der Lebersoße ergibt das ein köstliches Gericht. Das auch ziemlich nahrhaft ist. Ich, der ich Zuhause meist Reis und Gemüse verspeise, verdaue die üppige Mahlzeit nur ganz langsam. 

 

Und am nächsten Nachmittag wird schon die nächste kulinarische Herausforderung warten: Lefse nach Art der Leute von Kjerringoy. Eine Süßspeise, bestehend aus einem weichen Roggenfladen, der gefüllt ist mit einer Art Schmelzkäse, Sauerrahm und viel geschmolzener Butter. 

 

Mahlzeit. 

 



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