Gedanken auf der Eisscholle
Vor uns liegt wieder ein Abschied. Morgen geht es zurück in die Heimat. In der Dusche höre ich schon mal deutsche Nachrichten, zur Vorbereitung. Irgendwie kommen mir die Meldungen bekannt vor. Senden die was aus der letzten Woche? Das muss es sein. Ich wage einen kurzen Blick in die Social Media Kanäle von Zuhause und auch dort hat sich wenig verändert. Hass, Hass, Hass, Reklame, Hass, entlaufene Hunde, Speisekarten der kommenden Woche, Werbung, noch ein bisschen Hass und die Frage, welcher Facharzt im Umkreis von 150 Kilometern noch neue Patienten annimmt.
Ich weiß nicht, ob ich schon zurück möchte. Hier ist es kalt. Also zieht man sich dick an. Die Straßen sind gefroren. Man muss langsam fahren. Es gibt nicht immer alles sofort. Man muss warten können. Die Kühe müssen zwei Mal am Tag gefüttert werden - egal wie die eigene Befindlichkeit gerade ist. Wenn man dem Fischer etwas abkauft, muss man es verarbeiten. Wenn es stürmisch ist, fällt die Fähre aus.
Vieles ist hier einfach so. Die arktische Natur verlangt, dass man sich anpasst. Das sich immer schneller drehende Rad, das wir Zuhause alle drehen, kommt hier in der Kälte und Einsamkeit langsam zum Stillstand. Wichtigkeiten verschieben sich.
Statt die endlose Timeline von Social Media abzuarbeiten, sitzen Rainer und ich auf einer Eisscholle und schauen dem Adlerpaar zu, das weit draußen, auf einem Felsen im Meer kleine Adler macht. Wir genießen das Licht. Jenes besondere Licht, das die schräg stehende Sonne aussendet. Ein Strahlen, das die Landschaft in die seltensten Farben taucht. Man kann es nicht fotografieren, denn die modernen Kameras rechnen eine wahrscheinliche Lichtstimmung aus, die nicht mit dem Gesehenen übereinstimmen muss. Das Bild oben ist eigentlich blau-grau-golden. Als würde man ein Stück angelaufenes Aluminium anschauen, auf dem ein rotgoldener Schimmer liegt. Die Konturen der Landschaft verschwinden. Der Schnee sieht aus wie eine ebene Fläche. Im diffusen Licht gibt es keine Kontraste mehr. Die Landschaft löst sich in Licht auf.
Ich frage mich, ob ich ein einfaches Leben im komplizierten haben kann. Ob ich die Stille der Arktis mit mir nehmen kann. Ich denke, viele Menschen, die einmal den Polarkreis überschritten haben, fühlen genauso. Die ganzen Forscher auf der Suche nach dem Pol. Auch wenn sie unendliche Strapazen ertragen mussten, waren sie bei der Ankunft in der Heimat nicht glücklich. Viele kehrten ins Eis zurück.
68 Grad Nord wird für uns bald Geschichte sein. Ende des Jahres wird der Bauernhof verkauft. Svein und Gunn-Marit ziehen nach Oslo. Dort werden sie eine Zeit lang leben, um vielleicht eines Tages hierher zurückzukehren, nach Tranvika, wo sie sich ein kleines Haus gekauft haben. Vielleicht sitzen wir alle in fünf Jahren wieder am Fjord. Wir genießen die Sonne, essen Shrimps und erzählen uns Geschichten von früher.
Diese Geschichte endet hier.
Oder vielleicht nicht ganz. Eine Bonusfolge über die Besessenen der Arktis ist in Arbeit.

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