Die blaue Pille


"Dies ist deine letzte Chance, danach gibt es kein Zurück! Schluckst du die blaue Kapsel, ist alles aus. Du wachst in deinem Bett auf und glaubst an das was du glauben willst. Schluckst du die rote Kapsel, bleibst du im Wunderland"

Ich schlucke die blaue Pille.

Von Frankfurt nach Kopenhagen, von Kopenhagen nach Oslo, von Oslo nach Bodo. So sieht unser Flugplan aus. Dr. Google empfiehlt eine winzige blaue Pille, die komplett von Flugangst befreien soll. Ich schlucke sie, bevor wir in Frankfurt an Bord gehen. Wir starten und nach etwa 20 Minuten will Rainer aufs WC. Ich muss aufstehen. Wie mache ich das jetzt? denkt mein schwer verlangsamtes Gehirn. Zuerst die Zeitung weglegen - wohin nur? Aufstehen, aber die Zeitung ist noch im Weg und meine Arme auch, die Beine bewegen sich in der falschen Reihenfolge - ich fühle mich wie ein Käfer, der auf den Rücken gefallen ist. Irgendwie schaffe ich es aus dem Sitz. Tatsächlich ist die Flugangst weg. Mein Gehirn aber auch.

Nach der Landung in Kopenhagen stehen wir auf dem Taxiway im Stau. Das Flugzeug vor uns hat einen Schaden am Bugrad und muss erst weggeschleppt werden. Das dauert. "Wir haben noch sechs Stunden bis zum Anstoß" regt sich einer der zahlreichen Fußballfans im Flugzeug auf. Und wir haben noch 20 Minuten bis unser Weiterflug abhebt. Zehn Minuten. Bei fünf Minuten kommen wir raus und rennen durch die Abflughalle. Das heißt, Rainer rennt. Ich torkele wie eine Betrunkene hinter ihm her. Die Leute gucken komisch. Ich muss auf meine Füße achten, denn irgendwie bekomme ich die richtige Reihenfolge der Schritte nicht hin. Eine Frau ruft "Oslo, Oslo" und ich taumele an ihr vorbei über die Gangway in ein Flugzeug. Hinter Rainer und mir schließt sich die Tür und wir fliegen ab.

Im Flugzeug nach Oslo ringe ich nach Luft. Mir ist schwindelig und übel, mein Herz rast. Nach einem Snack mit Schokolade und Salzbrezeln geht es mir wieder besser. Jetzt ist der Flug sehr angenehm. Wie eine Busfahrt. Ich spekuliere, ob ich den Knopf an den Haltestangen drücken soll, wenn Oslo angesagt wird. Aber, ich muss es mir immer wieder sagen, wir sind nicht im Bus sondern über den Wolken. Hinter mir probt ein Opernsänger leise seinen Auftritt. 

In Oslo wechseln wir das Flugzeug und fliegen nach Bodo. Die italienischen Fußballfans an Bord sind aufgeregt: Heute spielt Inter Mailand gegen Bodo Glimt. Das Stadion ist direkt am Flughafen und es fasst 8000 Besucher, die bei schneidender Kälte ihrer Mannschaft zujubeln. Die Italiener frieren auf dem Platz fest und Bodo Glimt gewinnt 3:1 gegen die Topmannschaft aus dem sonnigen Süden. Wir suchen unterdessen unser Gepäck. Das ist unterwegs verloren gegangen. Wir begeben uns also zum Schalter und die Angestellte ist nicht besonders erfreut, scheinbar macht sie gerade Feierabend. Sie verweist auf einen QR Code an der Scheibe und lässt uns damit alleine. Rainer füllt ein Formular am Handy aus - anscheinend kann man im Moment nicht mehr tun.

Gunn-Marit holt uns am Flughafen ab und dann rasen wir durch die Nacht, um noch die Fähre zu erreichen. Das kleine Elektroauto fliegt über die vereisten Straßen. Ich werde bei jedem Schlagloch hin und her geworfen und schaue mir fasziniert die eisige Landschaft an. Die blaue Pille macht ihre Arbeit perfekt. Im Laufe der Fahrt merken wir - es wird nicht reichen. Also telefoniert Gunn-Marit kurzerhand mit dem Helfer an der Fähre und tatsächlich warten sie auf uns.

Endlich kommen wir ans Ziel. 

 

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